Zwei Frauen, ein Haus, mehr als 100 Jahre Frauenwohnen in Bad Cannstatt

Zwei Frauen, deren Lebenswege eng mit einem Haus in Bad Cannstatt verbunden sind, stehen seit heute dauerhaft im öffentlichen Raum im Mittelpunkt: Am Anna-Herrigel-Haus in der Wildbader Straße wurden zwei Gedenktafeln für Margarethe Jacobi und Anna Herrigel enthüllt. Der Verein Pro Alt-Cannstatt e.V., das Studierendenwerk Stuttgart und die Deutsche Sherlock-Holmes-Gesellschaft erinnern damit an mehr als 100 Jahre Geschichte des Frauenwohnens an diesem Ort. Die Tafeln sind künftig Teil des Historischen Pfads Bad Cannstatt.

„Mit den beiden Gedenktafeln holen wir zwei Frauen aus der Geschichte dieses Hauses ins öffentliche Bewusstsein. Zugleich erzählen sie die Geschichte eines Ortes, an dem seit mehr als 100 Jahren Frauen leben und ihre Ausbildung und berufliche Zukunft gestalten,“ so Olaf Schulze, erster Vorsitzender des Vereins Pro Alt-Cannstatt. 

Margarethe Jacobi: Übersetzerin und Wegbereiterin des Jacobi-Heims
Das Haus in der Wildbader Straße 16 (ehemals Uhlandstr.) wurde 1880 von der Familie Jacobi gekauft und anschließend bewohnt. Eine zentrale Rolle für die Geschichte des späteren Lehrerinnenheims spielt Margarethe Jacobi. Sie machte sich als Übersetzerin einen Namen und übertrug zahlreiche Werke der Weltliteratur ins Deutsche – darunter Texte von Mark Twain sowie die Sherlock-Holmes-Erzählungen von Arthur Conan Doyle.

Bei der Enthüllung der Gedenktafel gab Jacqueline Meintzinger, Mitglied der Deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft, Einblicke in das ereignisreiche Leben Margarethe Jacobis. Meintzinger hat sich intensiv mit der Geschichte der Übersetzerin beschäftigt – der Frau, die mit ihrer Arbeit dazu beigetragen hat, dass Sherlock Holmes im deutschen Sprachraum eine literarische Heimat finden konnte.

Nach ihrem Tod im Jahr 1910, vermachte Jacobi das ehemalige Wohnhaus ihrer Familie dem Württembergischen Lehrerinnenverein. Als „Jacobi-Heim“ wurde es anschließend zur Pension für Lehrerinnen. Damit wurde das Haus zum Ort, an dem Frauen wohnen und zugleich ihre beruflichen Perspektiven verfolgen konnten.

Anna Herrigel: Einsatz für den Wiederaufbau
Die zweite Gedenktafel erinnert an Anna Herrigel, Handarbeits- und Volksschullehrerin, Mitglied im Württembergischen Lehrerinnenverein sowie Mitglied des Stuttgarter Gemeinderats. Nachdem das Haus im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, setzte sie sich für dessen Wiederaufbau ein, um es weiterhin als Wohnheim für unverheiratete Lehrerinnen nutzen zu können. 

1954 konnte das wiederaufgebaute Haus eröffnet werden. 1955, nach dem Tod von Anna Herrigel, wurde es nach ihr benannt. 

Und heute: ein Wohnheim für Studentinnen
Mit den Jahren wurde es auch für Frauen üblich, alleine zu wohnen. So ging die Nachfrage nach Zimmern im Lehrerinnen-Wohnheim zurück. Die Lehrerinnenvereinigung wollte, dass das Haus dennoch unter einem sozialen Aspekt weitergeführt wird und vermachte es im Jahr 1986 dem Studierendenwerk Stuttgart – verknüpft mit zwei Bedingungen: Die Zimmer im Anna-Herrigel-Haus dürfen nur an Studentinnen vermietet werden und alle Lehrerinnen, die zum Zeitpunkt der Übernahme noch im Haus wohnen, dürfen dort auf Lebenszeit verbleiben.

So ist das Anna-Herrigel-Haus historisch bedingt das einzige Wohnheim des Studierendenwerks, in dem nur Frauen leben – 29 möblierte Zimmer stehen hier in Wohngemeinschaften zur Verfügung. Marco Abe, Geschäftsführer des Studierendenwerks Stuttgart: „Das Anna-Herrigel-Haus verbindet Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise. Aus einem Wohnheim für Lehrerinnen ist ein Wohnheim für Studentinnen geworden. Die Funktion des Hauses als Ort für Frauen ist dabei über Generationen erhalten geblieben.“ 

Ein Stück Cannstatter Geschichte wird sichtbar
Mit den beiden Gedenktafeln wird ein bislang wenig bekannter Teil der Geschichte Bad Cannstatts dauerhaft sichtbar. Sie erinnern an zwei Frauen mit unterschiedlichen Lebenswegen und zugleich an die Entwicklung eines besonderen Ortes: vom Wohnhaus der Familie Jacobi über das „Jacobi-Heim“ für Lehrerinnen bis zum heutigen Anna-Herrigel-Haus für Studentinnen.

Die Tafeln werden in den Historischen Pfad Bad Cannstatt aufgenommen. Damit können sich künftig auch Anwohner*innen und Besucher*innen des Stadtteils über die Geschichte des Hauses und die beiden Frauen informieren.

Pro Alt-Cannstatt e.V., das Studierendenwerk Stuttgart  und die Deutsche Sherlock-Holmes-Gesellschaft möchten mit der Initiative dazu beitragen, Frauen und ihre Leistungen stärker in der lokalen Erinnerungskultur sichtbar zu machen.