Metanavigation - Deutsch

Studi-Story

Spaziergang am Wartberg

Kunst im öffentlichen Raum, Teil 5
Text: 
Rebecca Haase
19. April 2017

Wenn bald das Wetter wieder schöner und frühlingshafter wird, treibt das Blühen in der Natur alle nach draußen. Da bietet sich doch ein Kunstspaziergang an, vielleicht sogar dort, wo Teil 4 unserer Serie endete? Die folgende Tour führt uns vom Killesberg über den Wartberg.  Überall finden sich versteckte Kunstwerke.

"Kugelobjekt" im Egelsee (Foto: Rebecca Haase)

Wir starten im Neubau II der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste. Dort befindet sich nämlich frei zugänglich die 1996 entstandene Installation "Two Way Communication" von Nam June Paik. 92 Monitore sind an der rechten Foyerwand angeordnet, teils dicht an dicht in einer Treppenform, teils nicht zusammenhängend und mit schwebender Anmutung. An diesem Ort der Begegnung wird Kommunikation thematisiert und das gleich mehrfach: Entweder können vorgefertigte Videodiscs mit einem schnellen Schnitt und hohem Abstraktionsgrad abgespielt, oder live die Überwachungsvideos der Eingangshalle gezeigt werden. Der/Die Beobachtete wird zum/zur Beobachter/in.
Wir gehen nun die Stresemannstraße entlang bis zum Eingang des Wartbergparks auf der rechten Seite und dann auf dem St.-Louis-Weg am Naturfreundehaus vorbei. Nach ein paar Stufen entdecken wir einen ehemaligen Steinbruch für Schilfsandstein. Diese Wand aus Keuper, der obersten Gesteins-schicht des Trias, wurde im Rahmen der Internationalen Gartenbauausstellung, kurz: IGA, im Jahr 1993 künstlerisch gestaltet. Die beauftragten Künstler/innen sollten für den neuen Park Werke entwickeln, die das Zusammentreffen von Natur und Mensch am Wartberg thematisieren. So entstand auch "Im Keuper". Hierfür ließ der Künstler eine Sandsteinwand mit einer negativen Eiform installieren und platzierte davor ein Marmorei, das aufgrund des anderen Materials wie ein Kuckucksei erscheint. Nur einige Meter weiter entspringt aus einem Spalt im Gestein eine natürliche Wasserquelle. So zeigt die Installation welche Schätze der Steinbruch hervorbringt. Wenn wir den Hang hinabschauen, entdecken wir Edelstahlstangen, die mit ihren roten Streifen wie Messlatten aussehen. Tatsächlich enden sie alle auf 308 Metern über dem Meeresspiegel und der Künstler verdeutlicht mit "Unter den Stangen", wie steil der Wartberg tatsächlich ist.

"Two Way Communication", "Im Keuper" und "Unter den Stangen" (Foto: Rebecca Haase)

Wir gehen den St.-Helens-Weg parallel zur Stresemannstraße weiter und genießen rechterhand die schöne Aussicht. Links des Weges stehen – in einem Kreis angeordnet – Steinthrone, welche die Krone eines umgestürzten Baums nachzeichnen. Daneben befindet sich eine Baumstumpfnachbildung aus Stein, in die Jahresringe und ein Gedicht eingeritzt sind. Die Künstlerin Karina Raeck will mit "Bei der Buche" auf die Faszination und den Mythenreichtum, den Buchen seit jeher bei Menschen auslösen, hinweisen. Die Tour führt uns auf dem St.-Helens-Weg weiter, bis wir zu sechs kegelförmigen, bauchigen Figuren aus verschiedenen Materialien wie Eichenholz, Lehm und Backsteinen kommen. Die Künstlerin Jeanette Zippel nannte dieses Werk "Bienengarten", da diese Insekten in den Figuren leben können und es früher wohl auch taten. Willkommen sind sie nach wie vor, denn die umgebenden Blumenwiesen sind auf deren Bedürfnisse abgestimmt. Die Künstlerin macht auf den respektlosen Umgang des Menschen mit der Natur aufmerksam, was durch Vandalismus und den Lauf der Zeit nur umso deutlicher wird.

Nun spazieren wir den gleichen Weg ein Stück zurück und halten uns dann links, um auf dem Cardiffer Weg durch die Kleingartenanlagen den Hang hinabzugehen. Auf dem Straßburger Weg kommen wir zum Menzel-Bourguiba-Weg und sehen erneut – dieses Mal aus einer anderen Perspektive –  das Kunstwerk "Unter den Stangen". Ein wenig unterhalb dessen befindet sich das "Grottenloch" von Michael Singer, ein Wasserlaufsystem mit mehreren Becken, die von einem Spalier und einer Mauer umgeben sind. So erinnert dieser Ort an einen "hortus conclusus", einen geschlossenen Garten, und weckt Assoziationen daran, dass Wasser heute mehr denn je nicht jedem zugänglich ist. Gewidmet ist diese Installation allerdings Kriegsopfern, die durch Trümmer repräsentiert werden.

 

"Bei der Buche", "Bienengarten" und "Grottenloch" (Foto: Rebecca Haase)

Jetzt laufen wir an der Ökostation und dem Naturgarten vorbei zum Egelsee. Dort befindet sich mit "Kugelobjekt" ein Werk, das ebenfalls Hans Dieter Bohnet geschaffen hat. Die geometrische Form der Kugel liegt vielen seiner Arbeiten zugrunde. Hier zerschnitt er sie in Kugelsegmente, die er lose mit einer kleineren Kugel in der Mitte, wieder zusammenfügte. Während der warmen Jahreszeit beleben Wasserfontänen dieses Kunstwerk.

Das aus den Uferbatterien, den Fontänen im See und dem Kugelobjekt strömende Wasser bietet ein interessantes Schauspiel für Augen und Ohren. Die Grünflächen und Bänke laden zu einem längeren Verweilen und Genießen ein, so dass wir die Tour für heute an dieser Stelle beenden. 

Ihr hattet Freude am Flanieren und Kunstbetrachten? Dann schaut euch doch auch die anderen Teile unserer Serie an: Teil 1 findet ihr hierTeil 2, Teil 3 und Teil 4.

Die Autorin:

Rebecca Haase studiert Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart und unterrichtet voller Elan Deutsch als Fremdsprache. Außerdem interessiert sie sich für die Themen Kultur und Sprache. Im Magazin "Kulturgeflüster" beim Hochschulradio Horads 88,6 berichtet sie über das aktuelle, kulturelle Angebot Stuttgarts.

Kontakt